17

 

Nikolai kam langsam wieder zu sich und fragte sich, warum er nicht tot war. Er fühlte sich schrecklich, konnte nur mit Mühe die Augen im Dunkeln öffnen, seine Muskeln waren träge, als er im Geiste eine Inventur seiner momentanen Verfassung aufnahm. Er erinnerte sich an Blut und Qualen, Verhaftung und Folter durch einen Mistkerl namens Fabien. Er erinnerte sieh daran, gerannt zu sein - oder vielmehr, dass irgendjemand anders rannte, während er stolperte und sich anstrengte, einfach nur auf den Füßen zu bleiben.

Er erinnerte sich an Dunkelheit, die ihn umgab, an kaltes Metall unter ihm und an unablässigen Trommelschlag in seinem Kopf. Und mit besonderer Deutlichkeit erinnerte er sich an eine Pistole, die auf ihn gerichtet war. Eine Pistole, die auf seinen eigenen Befehl losging.

 Renata.

Sie hatte die Pistole gehalten. Auf ihn gezielt, um ihn daran zu hindern, sie wie ein Monster anzufallen. Warum hatte sie ihn nicht umgebracht, wie er es gewollt hatte? Und warum war sie überhaupt in die Hochsicherheitsklinik gekommen, um ihn zu suchen? War ihr nicht klar gewesen, dass sie mit ihm zusammen getötet werden könnte?

Er wollte über ihre Waghalsigkeit wütend sein, aber ein vernünftigerer Teil von ihm war einfach nur verdammt dankbar, dass er noch atmete. Selbst wenn das alles war, wozu er derzeit in der Lage war.

Er stöhnte und rollte sich herum, erwartete, den harten Lastwagenboden unter seinem Körper zu spüren. Stattdessen war da eine weiche Matratze und unter seinem Kopf ein flauschiges Kissen. Eine leichte Baumwolldecke bedeckte seine Nacktheit. Was zur Hölle war passiert? Wo war er jetzt?

Er fuhr hoch und wurde damit belohnt, dass sich sein Magen zusammenkrampfte. „Scheiße", murmelte er, ihm war schlecht und schwindelig im Kopf.

„Bist du okay?" Renata war bei ihm. Zuerst hatte er sie nicht gesehen, aber jetzt stand sie von dem ramponierten Stuhl auf, auf dem sie eben noch gesessen hatte, und kam zum Bett hinüber. „Wie fühlst du dich?"

„Beschissen", sagte er, seine Zunge war dick, sein Mund staubtrocken.

Er verzog das Gesicht, als sie eine kleine Nachttischlampe anknipste. „Du siehst besser aus. Viel besser sogar. Deine Augen sind wieder normal, und deine Fangzähne haben sich zurückgezogen." „Wo sind wir?"

„In Sicherheit."

Er sah sich um und nahm das bunte Durcheinander im Zimmer in Augenschein: Möbelstücke, die nicht zusammenpassten, Aufbewahrungsbehälter, die an einer Wand gestapelt waren; zwischen zwei Aktenschränken lehnte eine kleine Sammlung von angefangenen Gemälden, alle in unterschiedlichen Stadien der Fertigstellung; ein Badezimmerschränkchen mit geblümten Handtüchern und eine altertümliche Badewanne mit Klauenfüßen. Aber es war das Fenster gegenüber dem Bett auf der anderen Raumseite, das ihn auf den Trichter brachte: Es hatte keine Läden. Auf der anderen Seite der Fensterscheibe war es gerade tiefe Nacht, aber sobald es Morgen wurde, würden UV-Strahlen den Raum überfluten.

„Das ist eine Menschenwohnung." Er hatte nicht vorwurfsvoll klingen wollen, schon gar nicht, wenn es seine eigene verdammte Schuld war, dass er überhaupt in diese Situation geraten war. „Wo zum Teufel sind wir. Renata?

Was ist hier los?"

„Du warst in schlechter Verfassung. Es war nicht sicher für uns, weiter in dem Laster herumzufahren, die Agentur und wahrscheinlich auch Lex suchen ihn sicher schon seit Sonnenuntergang ..."

„Wo sind wir?", fragte er.

„In einem Übergangsheim für Straßenkinder - es heißt Bei Anna.  Ich kenne den Mann, der es leitet. Oder ich kannte ihn ... früher." Ein Anflug von Rührung flackerte kurz über ihr Gesicht. „Jack ist ein guter Mann, vertrauenswürdig. Wir sind hier sicher."

„Er ist ein Mensch."

„Ja."

Auch das noch. Da hatte er den verdammten Salat. „Und weiß er, was ich bin? Hat er mich gesehen ... wie ich war?"

„Nein. Ich habe dich so gut es ging mit der Plastikplane aus dem Laster zugedeckt. Jack hat mir geholfen, dich hier heraufzubringen, aber du hast immer noch das Betäubungsmittel ausgeschlafen, das ich dir verpasst habe. Ich habe ihm gesagt, du wärst ohnmächtig, weil du krank bist."

Betäubungsmittel. Nun, das beantwortete immerhin die Frage, warum er nicht tot war.

„Er hat weder deine Fangzähne noch deine Augen gesehen, und als er nach deinen Glyphen gefragt hat, habe ich ihm gesagt, es wären Tattoos." Sie zeigte auf ein zusammengelegtes T-Shirt und eine schwarze Trainingshose, die auf dem Nachttisch lagen. „Er hat dir was zum Anziehen gebracht. Er entsorgt gerade den Laster für uns, und wenn er wiederkommt, wird er dir auch ein Paar passende Schuhe suchen. Im Badezimmer ist ein Waschbeutel - er hat immer einen für seine Neuankömmlinge bereitliegen. Es war aber nur noch eine frische Zahnbürste übrig, ich hoffe, es macht dir nichts aus, sie zu teilen."

„Himmel", zischte Niko. Das wurde ja immer schöner. „Ich muss hier raus."

Er warf die Decke ab und schnappte sich die Kleider vom Nachttisch. Er war nicht allzu sicher auf den Beinen, und als er versuchte, sich die Nylonhosen überzuziehen, fiel er zurück aufs Bett, den nackten Hintern voran. Vor ihm drehte sich alles. „Verdammt. Ich muss mich beim Orden zurückmelden. Denkst du, dein alter Kumpel Jack hat einen Computer oder ein Handy, das ich mir borgen könnte?"

„Es ist zwei Uhr früh", bemerkte Renata. „Im Haus schlafen alle. Außerdem schaffst du es wahrscheinlich gar nicht allein die Garagentreppe runter. Du musst dich noch etwas ausruhen."

„Scheiß drauf. Was ich muss, ist nach Boston zurückkehren, und zwar so schnell wie möglich." Immer noch im Sitzen zog er sich die Trainingshose über, riss sie sich über die Hüften und zurrte den überweiten Hosenbund mit der Kordel fest. „Ich habe schon zu viel Zeit verloren.

Jemand muss hier hochkommen und meinen lahmen Arsch nach Hause karren ..."

Renatas Hand legte sich auf seine, überraschte ihn mit der Berührung. „Nikolai. Es ist was mit Mira passiert."

Ihre Stimme war so nüchtern wie sonst. Sie machte sich Sorgen - große Sorgen -, und zum ersten Mal bemerkte er einen kleinen Riss in der sonst so undurchdringlichen eisigen Fassade, die sie der Welt gegenüber zur Schau stellte.

„Mira ist in Gefahr", sagte sie. „Sie haben sie mitgenommen, als sie dich im Jagdhaus verhaftet haben. Lex hat sie einem Vampir namens Fabien mitgegeben. Er ... hat sie ihm verkauft."

„Fabien." Niko schloss die Augen und stieß einen Fluch aus. „Dann ist sie wahrscheinlich schon tot."

Renatas erstickten Aufschrei hatte er nicht erwartet. Der raue Klang ihrer Stimme ließ ihn sich wie einen gefühllosen Idioten vorkommen, weil er diesen grimmigen Gedanken laut ausgesprochen hatte. All ihrer Stärke und ihrer toughen Unabhängigkeit zum Trotz - sie hatte doch eine Schwäche für dieses unschuldige, erstaunliche Kind.

„Sie kann nicht tot sein." Ihre Stimme hatte einen hölzernen Klang bekommen, aber ihre Augen waren wild und verzweifelt. „Ich hab's ihr versprochen, verstehst du?

Ich habe ihr gesagt, ich würde niemals zulassen, dass jemand ihr wehtut. Das war mein voller Ernst. Ich würde töten, um sie zu beschützen, Nikolai. Ich würde für sie sterben."

Er hörte zu, und weiß Gott, er kannte ihren Schmerz besser, als sie ahnen konnte. Als kleiner Junge hatte er einen ähnlichen Pakt mit seinem jüngeren Bruder geschlossen - Himmel, wie lange das schon her war -, und es hatte ihn beinahe umgebracht, versagt zu haben.

„Darum hast du mich in der Klinik gesucht", sagte er, als er verstand. „Du hast deinen Hals riskiert, um mich da herauszuholen, weil du denkst, dass ich dir helfen kann, sie zu finden?"

Sie sagte nichts, sah ihm nur weiter in die Augen, in einem Schweigen, das endlos schien. „Ich muss sie wiederhaben, Nikolai. Und ich glaube nicht ... ich bin einfach nicht sicher, ob ich es alleine schaffe."

Ein Teil von ihm wollte ihr sagen, dass das Schicksal eines einzelnen verlorenen Kindes nicht sein Problem war. Nicht nach allem, was dieser Mistkerl Fabien ihm in der Hochsicherheitsklinik angetan hatte. Und nicht jetzt, da der Orden alle Hände voll mit anderen, heikleren Missionen zu tun hatte. Jetzt ging es ums Ganze, um Leben und Tod in nie gekannten Ausmaßen. Sie mussten die Welt retten, verdammt noch mal.

Aber als er seinen Mund öffnete, um ihr das zu sagen, merkte er, dass er es nicht übers Herz brachte.

„Wie geht's deiner Schulter?", fragte er sie und zeigte auf die Wunde, die vor ein paar Stunden im Lastwagen noch geblutet und ihn damit an den Rand seiner ohnehin schon schwachen Selbstbeherrschung getrieben hatte.

Oberflächlich sah sie nun besser aus, war mit sauberer, weißer Gaze bandagiert und roch schwach nach Desinfektionsmittel.

„Jack hat mich zusammengeflickt", sagte sie. „Er war Sanitäter bei den Marines in Vietnam."

Niko sah die Zärtlichkeit in ihrem Gesicht, als sie von diesem Menschen sprach, und wunderte sich, wo der leise Anflug von Eifersucht herkam, den er spürte. So lange, wie seine Militärzeit zurücklag, musste der Mann schon im Rentenalter sein. „So, ein Marine ist er, was? Wie ist er denn in einem Asyl für Straßenkids in Montreal gelandet?"

Renata lächelte etwas traurig. „Jack hat sich hier in ein Mädchen verliebt, sie hieß Anna. Sie haben geheiratet, dieses Haus zusammen gekauft und über vierzig Jahre lang hier gewohnt ... bis Anna gestorben ist. Sie wurde bei einem Raubüberfall getötet. Der Straßenjunge, der sie wegen ihrer Handtasche erstochen hat, war auf Heroin. Er brauchte Geld für den nächsten Schuss, aber alles, was er bekam, waren nur etwa fünf Dollar in Münzen."

 „Jesus", stieß Niko hervor. „Ich hoffe, dieser Scheißkerl ist nicht davongekommen."

Renata schüttelte den Kopf. „Er wurde verhaftet und angeklagt, hat sich aber noch vor dem Prozess im Gefängnis erhängt. Jack hat mir einmal erzählt, als er das erfahren hat, hat er beschlossen, etwas zu tun, um zu verhindern, dass Menschen wie Anna so sinnlos sterben und dass andere Kinder auf der Straße landen und dort zugrunde gehen. Er hat sein Haus nach Anna benannt und allen geöffnet, die ein Dach über dem Kopf brauchen. Er gibt den Jugendlichen warme Mahlzeiten und einen Ort, wo sie sich zu Hause fühlen können."

„Klingt so, als wäre Jack ein großzügiger Mann", sagte Niko. „Da ist er viel selbstloser, als ich es je sein könnte." Er spürte den starken Drang, sie zu berühren, einfach nur seine Finger auf ihre Haut zu legen. Er wollte mehr über sie wissen, mehr über ihr Leben, bevor sie sich mit Sergej Jakut eingelassen hatte. Er hatte das Gefühl, dass ihr Leben nicht leicht gewesen war. Wenn Jack ihr geholfen, ihr ein paar Steine aus dem Weg geräumt hatte, dann hatte Nikolai für diesen Mann nichts als Respekt übrig.

Und wenn sie diesem Menschen vertraute, dann würde auch er es tun. Er hoffte inständig, dass Jack wirklich war, was Renata in ihm sah. Alles andere wäre verheerend. „Lass mich deine Schulter ansehen", sagte er, froh, das Thema wechseln zu können.

Als er auf sie zukam, zögerte Renata. „Bist du sicher, dass du das aushältst? Die Betäubungsmunition ist nämlich alle, und es wäre doch unsportlich, einen Vampir in so geschwächtem Zustand mit meinen übersinnlichen Kräften lahmzulegen."

Ein Witz? Er lachte leise, überrascht von ihrem Humor, besonders jetzt, da sich die Dinge für sie beide reichlich düster präsentierten. „Komm her und lass mich Jacks Handarbeit ansehen."

Sie beugte sich nach vorn, damit er besser an ihre Schulter kam. Niko zog die weiche Baumwolldecke, in die Renata eingewickelt war, zur Seite und ließ den Stoffsaum ihren Arm entlanggleiten. So vorsichtig er auch war, als er den Verband hob und die gesäuberte, genähte Wunde darunter inspizierte, spürte er doch, wie Renata vor Schmerz das Gesicht verzog. Sie hielt sich vollkommen ruhig, als er vorsichtig beide Seiten ihrer Schulter überprüfte.

Die Blutung war zu einem dünnen, scharlachroten Rinnsal gestockt, doch selbst das traf ihn schwer. Was die Blutgier anging, war er über den Berg, aber er war doch immer noch ein Stammesvampir, und Renatas Blut, das süß nach Sandelholz und Regen duftete, war berauschend, besonders so ganz aus der Nähe. „Alles in allem sieht es ganz gut aus", murmelte er und zwang sich, sich loszureißen. Er legte den Verband wieder an und setzte sich auf die Bettkante zurück. „Die Austrittswunde ist immer noch ziemlich gerötet."

„Jack sagt, ich hatte Glück, dass die Kugel glatt durchging und keine Knochen verletzt hat."

Niko grunzte. Sie hatte das Glück einer Blutsverbindung mit einem Gen Eins gehabt. Sergej Jakut war vielleicht ein bösartiges Arschloch gewesen, aber wenn sein praktisch reines Stammesblut in Renatas Körper kreiste, würde die Wunde im Handumdrehen heilen. Tatsächlich überraschte es ihn, wie müde sie aussah. Doch natürlich war es eine verdammt lange Nacht gewesen.

Den dunklen Ringen unter ihren Augen nach hatte sie vermutlich gar nicht geschlafen. Gegessen hatte sie auch nichts.

Auf dem metallenen Kartentisch in der Nähe stand ein unberührtes Tablett mit Essen.

Er fragte sich, ob es Kummer über Jakuts Tod war, der zu ihrer Müdigkeit dazukam. Sie machte sich offensichtlich Sorgen um Mira, und das mit gutem Grund, und so schwer es für ihn auch war, den Gedanken zu akzeptieren, war sie doch auch eine Frau, die erst vor Kurzem ihren Gefährten verloren hatte. Und hier saß sie nun, zu allem Überfluss auch noch mit einer Schussverletzung, und das nur, weil sie beschlossen hatte, ihn um Hilfe zu bitten.

„Warum ruhst du dich nicht eine Weile aus", schlug Nikolai vor. „Leg dich ins Bett. Schlaf etwas. Jetzt bin ich dran mit Wache halten."

Zu seiner Überraschung widersprach sie nicht. Er stand auf und hielt die Decke für sie, als sie hineinkletterte und vorsichtig nach einer Position suchte, in der die Wunde an ihrer Schulter nicht schmerzte.

„Das Fenster", murmelte sie und zeigte darauf. „Ich wollte es für dich verhängen."

„Darum kümmere ich mich schon."

Es dauerte keine Minute, und sie war eingeschlafen. Niko betrachtete sie einen Augenblick, und dann, als er sicher war, dass sie es nicht spüren würde, gab er seinem Drang nach, sie zu berühren. Nur ein kurzes Streicheln über die Wange, und seine Finger verloren sich in ihrem schwarzen, seidigen Haar.

Es war falsch, sie zu begehren, das wusste er.

In seiner Verfassung, jetzt, unter denkbar schlimmsten Umständen, war es wahrscheinlich verdammt dumm von ihm, Renata zu begehren, so wie er es tat - wie schon fast seit dem Augenblick, als er sie zum ersten Mal gesehen hatte.

Aber wenn sie in diesem Moment die Augenlider gehoben und ihn neben sich gesehen hätte, hätte ihn nichts davon abgehalten, sie in seine Arme zu ziehen.

 

Ein Paar Halogenscheinwerfer schnitten durch die Nebeldecke, die sich schwer über die Valley Road in den dicht bewaldeten Green Mountains von Vermont gebreitet hatte. Der Passagier auf dem Rücksitz der Limousine starrte ungeduldig in die dunkle Landschaft hinaus, seine Augen spiegelten sich bernsteinfarben in der getönten Fensterscheibe. Er war verärgert, und nach seinem Telefonat mit Edgar Fabien, seinem Kontaktmann in Montreal, hatte er dazu auch allen Grund. Das einzig Vielversprechende war die Tatsache, dass bei all den Pannen und Katastrophen der letzten Zeit, die nur um Haaresbreite abgewendet worden waren, Sergej Jakut tot war und dass es Fabien gelungen war, einen Ordenskrieger auszuschalten.

Unglücklicherweise war dieser kleine Sieg nur von kurzer Dauer gewesen. Erst vor wenigen Stunden hatte Fabien kleinlaut berichtet, dass der Stammeskrieger aus der Hochsicherheitsklinik ausgebrochen war und sich derzeit mit der Frau, die ihn offenbar befreit hatte, auf der Flucht befand. Wenn Fabien nicht schon alle Hände voll zu tun gehabt hätte mit der anderen wichtigen Aufgabe, die er ihm zugeteilt hatte, würde auch der Leiter des Dunklen Hafens von Montreal heute Nacht einen unerwarteten Besuch erhalten. Mit Fabien würde er sich später befassen.

Er war verärgert, diesen Umweg durch das Hinterland machen zu müssen, aber was ihn am meisten ärgerte, war das Versagen eines seiner besten, effektivsten Werkzeuge.

Versagen konnte nicht einfach toleriert werden. Ein Fehler war schon einer zu viel, und wie bei einem Wachhund, der seinen Herrn anfällt, gab es für dieses Problem, das ihn weiter oben an dieser Landstraße erwartete, nur eine einzige praktikable Lösung: Vernichtung.

Der Wagen wurde langsamer und bog nach rechts vom Asphalt auf einen holperigen, ungeteerten Feldweg ab. Eine lang gestreckte Steinmauer aus der Kolonialzeit und ein halbes Dutzend hoher Eichen und Ahornbäume säumten die Zufahrt, die zu einem alten weißen Farmhaus mit breiter Veranda führte, die ums ganze Haus herumlief. Der Wagen hielt vor einer hohen, roten Scheune hinter dem Haus an.

Der Fahrer - ein Lakai - stieg aus und ging zur hinteren Wagentür, um sie seinem Meister zu öffnen.

„Sir." Der geistige Sklave senkte ehrerbietig den Kopf.

Der Stammesvampir stieg aus dem Wagen und schnüffelte verächtlich über den Viehgestank, der die sogenannte frische Nachtluft verpestete. Als er den Kopf zum Haus drehte, wurden seine Sinne nicht weniger beleidigt, als er in einem Zimmer den Schein einer Tischlampe sah und das hirnlose Gequake einer Gameshow im Fernsehen aus den Fenstern drang.

„Warte hier", wies er seinen Fahrer an. „Es wird nicht lange dauern."

Steinchen knirschten unter seinen polierten Lederslippern als er über den Kies zu der überdachten Verandatreppe hinüberging, die zur Hintertür des Farmhauses führte. Sie war abgeschlossen, aber das hielt ihn nicht auf. Er entriegelte sie durch bloße Willenskraft und ging zügig in die Küche hinüber, ein optischer Schandfleck mit blau-weiß karierten Vorhängen. Als die Tür sich quietschend hinter ihm schloss, kam ein älterer Mann mit einer Sehrotflinte aus dem Flur herein.

 „Meister", keuchte er und legte das Gewehr auf die Küchenablage. „Vergeben Sie mir. Ich wusste nicht, dass Sie .., dass Sie k-kommen wollten ..." Der Lakai stammelte, er war ängstlich und offenbar klug genug, um zu wissen, dass es sich hier nicht um einen Freundschaftsbesuch handelte. „W-was kann ich für Sie tun?"

„Wo ist der Jäger?"

„Im Keller, Sir."

„Bring mich zu ihm."

„Natürlich." Der Lakai eilte hastig an ihm vorbei, öffnete die Hintertür und hielt sie weit auf. Als sein Meister hinausgegangen war, sauste er an ihm vorbei, um zu dem sargähnlichen Kellereingang an der Seitenwand des Hauses voranzugehen. „Ich weiß nicht, was da mit ihm los war, Meister. Das ist das erste Mal, dass er einen Auftrag verpatzt hat."

Das war allerdings der Fall, doch das machte das Versagen eines so perfekten Exemplars nur umso unentschuldbarer. „Die Vergangenheit interessiert mich nicht."

„Nein, nein. Natürlich nicht, Sir. Bitte entschuldigen Sie."

Er fummelte unbeholfen mit Schlüssel und Schloss herum, Letzteres eine Maßnahme, um Neugierige draußen zu halten, und weniger zu dem Zweck angebracht, den tödlichen Kellerinsassen drinnen zu halten. Schlösser waren unnötig, wenn es andere, effektivere Methoden gab, um sicherzustellen, dass er nicht in Versuchung geriet, draußen herumzustreunen.

„Hier entlang", sagte der Lakai und öffnete die Stahltüren zu einer lichtlosen Grube, die unter dem alten Haus tiefer in die Erde führte.

Hölzerne Treppenstufen führten in die feuchte, schimmelige Dunkelheit hinunter. Der Lakai ging voran, zog an einer Schnur und schaltete eine nackte Glühbirne ein, um ihnen den Weg zu erhellen. Der Vampir hinter ihm sah auch ohne sie genug, wie auch der andere, der hier unten in dem leeren, fensterlosen Raum hauste.

Der Keller enthielt keine Möbel. Keine Zerstreuungen.

Keinerlei persönliche Gegenstände. Er war absichtlich so völlig ohne Bequemlichkeit eingerichtet. Genauer gesagt enthielt er gar nichts - eine ständige Mahnung an seinen Bewohner, dass auch er nur ein Nichts war, reduziert allein auf die Aufgabe, zu deren Ausführung man ihn herausließ.

Sein einziger Daseinszweck bestand darin, zu dienen, Befehle auszuführen.

Zu handeln, ohne Gnade oder Fehler.

Weder Pardon zu gewähren noch selbst welches zu erwarten.

Als sie in die Mitte des Kellers gingen, sah der riesige Stammesvampir, der dort ruhig auf der nackten Erde saß, auf. Er war nackt, hatte die Ellenbogen auf seine angezogenen Knie gestützt, sein Kopf war kahl rasiert. Er hatte keinen Namen, keine Identität, außer der einen, die ihm bei seiner Geburt gegeben worden war: Jäger. Das eng anliegende, schwarze elektronische Halsband trug er ebenfalls schon sein ganzes Leben.

Es war  sein Leben, denn wenn er jemals seinen Befehlen zuwiderhandelte oder das Überwachungsgerät in irgendeiner Weise beschädigte, würde ein digitaler Sensor aktiviert und die UV-Waffe, die in das Halsband eingebaut war, würde explodieren.

 

Der riesige Vampir erhob sich, als sein Lakaienwärter ihm ein Zeichen machte aufzustehen. Er war beeindruckend, ein Gen Eins, einsneunzig groß, ein Muskelpaket von ungeheuren Kräften. Sein Körper war vom Hals bis zu den Knöcheln von einem dichten Netz von Dermaglyphen  bedeckt, die im Stamm vom Vater auf den Sohn weitervererbt wurden.

Dass er und dieser Vampir ähnliche Muster trugen, war zu erwarten; schließlich stammten sie väterlicherseits beide aus derselben Linie der Ältesten ab. Beide hatten das Blut desselben außerirdischen Kriegers in ihren Adern - von einem der Väter der Vampirrasse auf Erden. Sie waren miteinander verwandt, wenn auch nur einer von ihnen davon wusste. Derjenige, der hinter zahllosen Masken und Täuschungen gelebt und geduldig seine Zeit abgewartet hatte, während er sorgfältig seine Spielfiguren auf einem riesigen und komplizierten Spielbrett aufstellte. Der das Schicksal manipulierte, bis der Zeitpunkt gekommen war, um endlich die Macht über den Stamm und die ganze Menschheit auszuüben, so wie es ihm rechtmäßig zustand.

Dieser Zeitpunkt würde nun kommen.

Schon sehr bald, er konnte es in seinen Knochen spüren.

Und bei dem Aufstieg zu seinem Thron würde er keine Fehler dulden.

Augen, so golden wie die eines Falken, begegneten seinem Blick im dämmerigen Licht des Kellers und hielten ihm stand. Der Stolz, den er in ihnen sah, gefiel ihm gar nicht - diese Spur von Trotz in einem, der aufgezogen worden war, um zu dienen.

„Erkläre mir, warum du bei der Ausführung deiner Zielangabe versagt hast", verlangte er. „Du bist mit einer klaren Aufgabe nach Montreal geschickt worden. Warum hast du sie nicht ausgeführt?"

 „Es gab einen Zeugen", kam die kühle Antwort.

„Das hat dich noch nie abgehalten. Warum jetzt?"

Diese unerschrockenen goldenen Augen zeigten keinerlei Gefühl, aber Herausforderung lag in ihnen, als der Jäger unmerklich das kantige Kinn hob. „Es war ein Kind, ein kleines Mädchen."

„Ein Kind, sagst du." Er zuckte ungerührt die Schultern.

„Das sollte doch noch leichter zu eliminieren sein, meinst du nicht?"

Der Jäger schwieg und starrte ihn nur an, als erwartete er sein Urteil. Als erwartete er, verdammt zu werden, und als sei es ihm scheißegal.

„Du bist nicht ausgebildet worden, um deine Befehle zu hinterfragen oder dich von Hindernissen aufhalten zu lassen. Du wurdest nur zu einem einzigen Zweck gezeugt - genau wie die anderen von deiner Sorte."

Das kantige Kinn hob sich einen weiteren Zentimeter.

Fragend. Misstrauisch. „Welche anderen?"

Er lachte leise. „Du hast doch nicht wirklich gedacht, dass du einzigartig bist? Weit gefehlt. Ja, es gibt noch andere wie dich. Eine ganze Armee von solchen wie dir - Soldaten, Auftragskiller ... entbehrliche Schachfiguren, die ich über mehrere Jahrzehnte hin erschaffen habe, jeder von ihnen nur geboren und aufgezogen, um mir zu dienen. Andere wie dich, die nur leben, weil ich es so will." Er warf dem Halsband des Vampirs einen bedeutungsvollen Blick zu. „Du und all die anderen leben nur so lange, wie ich es für gut befinde."

„Meister", unterbrach ihn der Lakai. „Ich bin sicher, das war nur ein einmaliger Fehler. Wenn Sie ihn das nächste Mal losschicken, wird es keine Probleme geben, das versich . ."

„Ich habe genug gehört", blaffte er und warf dem Menschen, der ihn ebenso enttäuscht hatte, einen schrägen Blick zu. „Es wird kein nächstes Mal geben. Und für dich habe ich keine Verwendung mehr."

Blitzartig stürzte er sich auf den Lakai und schlug ihm die Fangzähne seitlich in die Kehle. Er trank nicht, sondern riss ihm nur die Halsschlagader auf und ließ ihn wieder los, sah dann verächtlich zu, wie der Mann heftig blutend auf dem Lehmboden des Kellers zusammenbrach. Der Anblick von so viel frischem, pulsierendem Blut war kaum zu ertragen.

Es fiel ihm schwer, es zu vergeuden, aber wichtiger war ihm, ein Exempel zu statuieren.

Er sah zu dem Gen Eins-Vampir hinüber und grinste, als die Glyphen  des Mannes in den tiefen Farben des Hungers zu pulsieren begannen, seine goldenen Augen waren nun völlig bernsteingelb. Seine Fangzähne füllten seinen Mund aus, und es war offensichtlich, dass jeder seiner Instinkte danach schrie, die röchelnde Beute anzuspringen und zu fressen, bevor das Blut und der Mensch tot waren.

Aber er rührte sich nicht. Er stand da, immer noch trotzig, und weigerte sich, selbst seinen natürlichsten, wildesten Trieben nachzugeben.

Es würde sehr leicht sein, ihn zu toten: nur ein Code, eingetippt in sein Handy, und er und sein unbeugsamer Stolz, zu dem er gar keine Veranlassung hatte, würden in Fetzen gerissen. Aber viel kurzweiliger würde es sein, ihn zuerst zu brechen. Und wenn er dabei Fabien und jedem anderen, der dumm genug war, ihn zu enttäuschen, als warnendes Beispiel dienen konnte, umso besser.

„Raus", befahl er seinem versklavten Killer. „Ich bin noch nicht fertig mit dir."

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